Darum wird Nintendo nicht in den VR-Markt einsteigen

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Nintendo hat auf seinem aktuellen Investorentreffen vermutlich dein ein oder anderen Anleger enttäuscht. Sowohl hinsichtlich seiner neuen NX-Konsole, als auch bezüglich Mobile-Games hüllte sich der Mario-Konzern in Schweigen. Immerhin ließ man die Information durchsickern, dass man sich ab dem 17. Februar im Rahmen eines Early-Access-Programms für die erste Nintendo-Smartphone App, Miitomo, registrieren könne. Für diejenigen, die sich nicht allzu sehr für Nintendos Kennzahlen interessieren, war das Treffen jedoch eher ernüchternd. Am Ende des Tages war man lediglich um folgende Erkenntnisse reicher: Splatoon ist sehr erfolgreich und amiibo verkaufen sich exzellent. Außerdem wird im Februar ein spezieller Pokémon-3DS erscheinen (USA), um das 20. Jubiläum der Serie zu feiern.

Weniger zu sagen, würde bedeuten, dass man VR wissentlich ignoriert

Das Aufsehen, welches man in den Medien erregte, als man beiläufig zu Protokoll gab, dass man sich Virtual Reality „ansehe“, war verständlich, denn für Journalisten und Fans, die sich auf etwas Interessantes, abseits der Zahlenschubserei gefreut hatten, war dieses Statement ein echtes Highlight. Nintendo und VR! VR und Nintendo! Das war nicht nur eine Möglichkeit wilde Spekulationen über Nintendos neue NX-Konsole loszutreten, sondern auch um den Virtual Boy wieder aus der Mottenkiste zu holen – Nintendos gescheiterter Versuch in den frühen 90er-Jahren VR in die Wohnzimmer zu bringen.

Der Virtual Boy war Nintendos früher (und gescheiterter) Versuch, im VR-Markt Fuß zu fassen. Angst vor dem Scheitern ist heute aber nicht der Grund, warum man sich mit VR vorerst nicht befasst.

Doch man muss sich eingestehen, dass „wir sehen uns VR an“, so ziemlich das emotionsloseste Statement ist, das Nintendo oder irgendeine andere Firma über den Markt abgeben könnte. Es reiht sich irgendwo ein, zwischen „wir wissen, dass es VR gibt“ und „wir haben es im Lexikon nachgeschlagen und wissen jetzt für was die Buchstaben stehen“. Weniger zu sagen, würde bedeuten, dass man VR wissentlich ignoriert. Es ist das Mindeste, von Nintendo zu erwarten, dass VR ein Faktor ist und man sich die Entwicklung ansieht. Das gilt für jedes Unternehmen in der Branche. Natürlich ist die Schlagzeile „Nintendo ist sich bewusst, dass VR existiert“ keine spannende. Sie würde aber wohl der aktuellen Sichtweise der japanischen Firma am nächsten kommen.

Virtual Reality widerspricht komplett Nintendos Unternehmensphilosophie

Natürlich wird Nintendo VR nich von vornherein als Option ausschließen. Das japanische Unternehmen weiß vielleicht besser als jedes andere der Branche, wie technologische Neuerungen den Markt umkrempeln können. Der 3DS beispielsweise wird niemals an die Verkaufszahlen des DS heranreichen. Nicht weil es sich um ein schlechtes Gerät handelt, oder die Software qualitativ minderwertig wäre (das absolute Gegenteil ist der Fall!), sondern weil mit Apple, eine Firma, die mit Videospielen Jahrzehnte fast nichts am Hut hatte, einen kleinen Taschencomputer (oder eher Milliarden) mit Touchscreen auf den Markt brachte und sich die Menschen dafür entschieden, dass sie keinen weiteren kleinen Computer bräuchten, um auf ihrer Zugfahrt Videospiele zu spielen.

Wird VR einen ähnlichen Einfluss auf den Markt haben? Vielleicht. Ich würde sagen, dass Virtual Reality hat womöglich eher das Potenzial hat, den produktiven Markt für Computer zu revolutionieren, als das Videospielgeschäft. Doch wie auch immer: Nintendo wird sich genau ansehen, was passiert und sicherstellen, dass es nicht mit heruntergelassenen Hosen dasteht, falls der Markt durch die Decke geht.

„Nintendo geht es um soziales Spielen

Doch im Moment ist es genau das, was man von Nintendo erwarten kann. Nicht mehr und nicht weniger. Virtual Reality, wie wir es momentan kennen, widerspricht komplett Nintendos Unternehmensphilosophie vom sozialen Spielen. Die Mehrspieler-Aspekte von VR sind noch lange nicht ausreichend erforscht und in gewisser Hinsicht sind die neuen Wunderbrillen bemerkenswert antisozial. Der Sinn hinter VR besteht immerhin darin, dass man sich in einer komplett anderen Welt verliert, was zwangsweise bedeutet, dass man sich von der echten Welt um einen herum verabschiedet und abkapselt. Das ist an sich nicht zu verurteilen, falls man auf Immersion aus ist, doch dieser Umstand steht Nintendos Designphilosophie diametral entgegen.

Vor allem in Japan fokussiert sich Nintendo-Werbung stark auf die sozialen Aspekte des Spielens.

Nintendo geht es um soziales Spielen. Falls es ein Grundkonzept gibt, welches die DNA des japanischen Videospielriesen ausmacht, ist es dieses. Es geht darum mit anderen Personen gemeinsam zu spielen, in Interaktion zu treten und das nicht unbedingt getrennt und über das Internet, sondern im selben Raum. Die Spielekonsolen Nintendos sind stets so designt, dass sie problemlos zahlreiche Controller unterstützen, während die Handhelds zwar über Kommunikations-Features verfügen, die Online-Gaming ermöglichen, aber dennoch primär darauf ausgelegt sind, mit Spielern in der Nähe zu interagieren.

„die Wii U ist IMMER die Konsole, die angeschaltet wird, wenn Freunde für ein paar Drinks zu Besuch sind

Auch die Software unterwirft sich oft dieser Philosophie. Natürlich gibt es zahlreiche Titel, die keinen Mehrspielerpart zu bieten haben, wie Fire Emblem, Legend of Zelda oder Xenoblade. Doch viele der hauseigenen Spiele verfügen über tief integrierte Multiplayer-Elemente und konzentrieren sich vorwiegend auf soziales Spielen. Mario Kart ist vielleicht der Titel, der dieses Prinzip am offensichtlichsten verfolgt. Pokémon zeigt, wie radikal Nintendo das klassische RPG verändert hat, um lokale Mehrspieler-Erlebnisse mit den Taschenmonstern zu fördern. Oder man nehme Nintendos Interpretation des klassischen Beat’em ups, das in der Super Smash Bros.-Serie erst zum Vier- (N64) und inzwischen zum Achtspieler-Prügler (Wii U) transformierte.

Mit Pokémon brachte man zur Jahrtausendwende ein revolutionär soziales RPG auf den Markt, dessen Link-Funktion die DNA Nintendos perfekt widerspiegelt.

Nintendo steht für Boybands, Sony für gesichtslose Stubenhocker

Falls man Besitzer einer aktuellen Nintendo-Hardware ist, sollte man sich fragen, was man sich für Peripherie hinzugekauft hat. In meinem Wohnzimmer ist ganz klar die PS4 die meistbenutzte Hardware (abgesehen von meiner Liebe zu Splatoon). Aber wir besitzen lediglich einen einzigen PS4-Controller. Zwar fliegt irgendwo noch ein PS3-Pad herum aber das wurde noch nicht ein einziges Mal angesteckt, seitdem wir in das neue Haus gezogen sind. Das ist ein Jahr her. Für die Wii U dagegen besitzen wir das GamePad, zwei Classic Controller und drei Wiimote – und die Wii U ist immer, IMMER die Konsole, die angeschaltet wird, wenn Freunde für ein paar Drinks zu Besuch sind. Sie bedient ganz andere Bedürfnisse als die Playstation und das hat viel mit ihrem Design zu tun und ist sicher kein Zufall.

Fernsehwerbung für Nintendo-Spiele konzentriert sich, zumindest in Japan, stark auf die sozialen Aspekte. Fast jeder Spot zeigt mehrere Personen, die auf dem Sofa gemeinsam spielen. Boybands, die sich in Mario Kart messen, Kinder, die gemeinsam eine Mario Maker-Stage bauen, die ihr Vater nicht schaffen soll und so weiter und so fort. Die soziale Komponente der Nintendo-Spiele ist das Alpha und das Omega des Unternehmens und bildet einen starken Kontrast zu den Werbefilmen für Playstation-Spiele, welche selten überhaupt einen Spieler zeigen.

Wird Nintendo auf Augmented Reality umschwenken?

Wie passt also VR in dieses Bild? Es ist wohl kaum eine Frage, ob die NX-Hardware technisch in der Lage sein wird VR zu stemmen, oder ob Nintendo gute VR-Spiele produzieren kann. Es geht vielmehr darum, wie die Marke Nintendo und ihre Unternehmenskultur zur Technologie passt. Die Spielkultur, für die Nintendo steht, verträgt sich nur schwerlich mit jemandem, der sich ein Headset auf den Kopf setzt und sich von der Außenwelt abkoppelt. Nintendos Verständnis von Spaß beinhaltet Elemente, die über den Bildschirm hinausgehen und in unsere physische Realität oszillieren. Erlebnisse, die man mit den Menschen um sich herum teilen kann, mit denen man gemeinsam spielt, sich misst oder Erlebnisse teilt.

Das bedeutet nicht, dass manche Aspekte von VR den Interessen Nintendos nicht auch entgegenkommen könnten. Augmented Reality zum Beispiel, die Technik, die auch Microsofts HoloLens innewohnt, wäre ein deutlich passenderes Puzzleteil für Nintendo. Man hat auf diesem Feld ja bereits mit dem 3DS experimentiert, auch wenn nicht mehr als einige wenige Minispiele dabei herauskamen. Es ist aber um einiges wahrscheinlicher, dass NX AR-Elemente nutzen wird, als dass man auf den VR-Zug aufspringen wird. Bevor Virtual Reality den Markt nicht wirklich revolutioniert oder ihm zumindest deutlich seinen Stempel aufdrücken kann, wird Nintendo sich nicht ernsthaft damit beschäftigen. Das Unternehmen mag viele Interessen haben und mit zahlreichen Technologien experimentieren, doch es hat auch eine klare Vision davon, was ein Nintendo-Produkt ausmacht – und Virtual Reality gehört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dazu.

Dieser Gastbeitrag von Rob Fahey erschien ursprünglich in englischer Originalfassung auf Gamesindustry.biz. Die deutsche Übersetzung und Bearbeitung entstand mit freundlicher Genehmigung und unter Lizenz von gamesindustry.biz.