Wann werden Smartphones Konsolen ersetzen?

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Als ARMs Ecosystem Director Nizar Romdan letzte Woche auf der Casual Connect Conference in Amsterdam ankündigte, dass seine Firma, bis Ende 2017, Chips für mobile Geräte herstellen werde, welche die Leistung von PS4 und Xbox One erreichen, war ihm die Aufmerksamkeit der Presse sicher. Was aber in der Theorie faszinierend klingt, wird in der Realität nur schwer zu erreichen sein.

Romdan wird nicht einfach nur Marketing-Platzpatronen abgefeuert haben

Apples, auf ARM-Technik basierender, A9 ist aktuell der wohl stärkste Chip auf dem Markt, seine Leistung liegt aber noch meilenweit hinter PS4 und Konsorten. Romdan wird dennoch nicht einfach nur Marketing-Platzpatronen abgefeuert haben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gewisse ARM-Produkte für Mobilgeräte bis Ende 2017 die Qualität bestimmter aktueller Konsolenkomponenten erreichen, doch man sollte sich vergegenwärtigen, was aktuell bedeutet. Die jetzigen Konsolen wurden Ende 2013 auf den Markt gebracht, was bedeutet, dass die darin befindlichen Chipsätze noch einige Monate mehr auf dem Buckel haben. ARMs Ankündigung hingegen, dass man Ende 2017 diese Qualität erreichen werde, impliziert auf der anderen Seite, dass die kommenden Super-Chips erst 2018 in Produkten für den Massenmarkt integriert sein werden.

Somit heißt Romdans Ankündigung nichts anderes, als dass sich die Leistungslücke zwischen Konsolen und mobilen Geräten auf knapp fünf Jahre verkürzt hat. Weiterhin ist es lohnenswert, zu erwähnen, dass die Leistung der aktuell stärksten Konsolen naturgemäß bereits zu deren Erscheinungsdatum von hochgezüchteten Konsumenten-PCs überflügelt wurde. Was also zunächst enorm beeindruckend klingt, erscheint, rückt man es ins rechte Verhältnis, gar nicht mehr so unglaublich. Immerhin sind Konsolen, verglichen mit kompromisslos auf Leistung getrimmten Gaming-PCs, auf das optimale Verhältnis zwischen günstigem Preis, langer Lebensdauer und ansprechender grafischer Leistung ausgelegt.

Mobile Geräte werden noch innerhalb des Lebenszyklus einer Konsolen-Generation deren Leistungsniveau erreichen

Betrachtet man es aus der Marktperspektive, so wird, sollte der von ARM prophezeite Fall wirklich eintreffen, etwas wirklich Neues in der Videospielbranche geschehen: Mobile Geräte werden erstmals noch innerhalb des Lebenszyklus einer aktuellen Konsolen-Generation deren Leistungsniveau erreichen. Aktuelle Top-Smartphones kratzen momentan gerade an der Leistung von Xbox 360 und PS3, mehrere Jahre nachdem diese von ihren Nachfolgern ersetzt wurden. Geht man davon aus, dass PS4 und Xbox One ähnlich lange Zyklen haben, bevor sie von ihren Nachfolgern ersetzt werden und dass Nintendos NX die grafische Qualität nicht deutlich nach oben schraubt, werden diese sich in gewisser Konkurrenz zu ähnlich starken Smartphones sehen.

Ein wirkliches Schließen der Lücke, oder gar überholen scheint nicht erreichbar

Was könnten die Folgen daraus sein? Manche könnten nun wieder das Lied einer Videospielzukunft ohne Konsolen anstimmen, in der Smartphones nicht nur Handhelds, sondern auch die klotzigen Kästen neben dem TV erfolgreich vom Markt gedrängt haben. Dieses Szenario ist sicherlich noch relativ weit entfernt. Es ist zwar gut möglich, dass sich das Zeitfenster weiter verkleinert, das die mobilen Chips benötigen, um auf das Niveau der stationären Prozessoren zu kommen, doch ein wirkliches Schließen der Lücke, oder gar überholen scheint allein physikalisch nicht erreichbar. Doch lassen wir uns einmal auf ein Gedankenspiel ein und stellen uns ein Szenario vor, in der Smartphones Konsolen zusehends vom Markt verdängen. Was müsste geschehen?

Zunächst einmal ist davon auszugehen, dass mobile Geräte die Leistungslücke gar nicht komplett schließen müssen, um Konsolen mit Smartphones substituieren zu wollen. Falls es gelingen sollte, den grafischen Unterschied so gering zu halten, dass er nicht mehr allzu deutlich sichtbar ist, könnte das bereits ausreichen. Akku-Probleme könnten dadurch gelöst werden, dass man mobil den Detailgrad deutlich herunterschraubt und so dennoch unterwegs zocken kann, während das Smartphone oder Tablet, zuhause angekommen, dann ans Stromnetz angeschlossen wird und das Bild in maximaler Leistung auf den Fernseher überträgt. Microsoft hat im produktiven Bereich bereits erste Erfahrungen in ähnlicher Konstellation gesammelt. Die Windows 10 Smartphones können dank Continuum an einen Bildschirm angeschlossen werden und fungieren so als Desktop-Ersatz für Mails, Web-Surfing, leichte Multimedia-Anwendungen und Office. Auf ähnliche Weise können mobile Telefone künftig auch als Konsolenersatz dienen. Das ist zwar bereits heute möglich (Smartphone per HDMI Adapter an den TV stecken und per Bluetooth-Controller zocken), wird von den Konsumenten bislang aber entweder nicht wahrgenommen, oder ist schlicht irrelevant, da die Leistung der Geräte zu schwach ist, um lohnenswerte Spiele auf dem großen Bildschirm zu genießen.

Ein guter Indikator könnte der Markt für Digitalkameras sein

Viel würde in diesem Szenario also davon abhängen, ob Konsumenten bereit sind, ein Smartphone auch für diesen Zweck zu nutzen. Ein guter Indikator könnte der Markt für Digitalkameras sein, der seit 2009 immer weiter schrumpft. Wenig verwunderlich, begannen sich zu dieser Zeit doch die Kameras der Smartphones langsam auf einem Niveau zu bewegen, welches für die Konsumenten den Unterschied zu dezidierten Digitalkameras immer irrelevanter erscheinen ließ. Inzwischen ist der Markt für Kameras ohne Wechselobjektiv deutlich kleiner geworden und die Hersteller fokussieren sich auf die Flaggschiffe, sprich die Systemkameras und SLRs. Ein Vergleich zu Handhelds und Konsolen bietet sich an: Handhelds, quasi die kompakten Digitalkameras der Videospielbranche, bieten ansprechende Leistung zum Mitnehmen, die jedoch kaum oder keine Vorteile mehr gegenüber Smartphones bieten. Ihr Marktanteil ging in den letzten Jahren so dramatisch zurück, dass Sony aus der Handheld-Entwicklung ausgestiegen ist und Nintendo künftig scheinbar eine komplett neue Strategie verfolgen wird. In Zukunft könnte sich dieses Problem auch auf die Konsolen ausweiten. Noch ist das aber Zukunftsmusik und Konsolenhersteller brauchen sich zunächst keine Sorgen machen.

Denn bei den Kameras ist auch der Markt für hochqualitative Geräte mit Wechselobjektiven zurückgegangen, bei den Konsolen hingegen wächst der Markt gerade rasant. Selbst die Xbox One, deren Verkaufszahlen nur knapp die Hälfte der PS4-Absätze ausmachen, verkauft sich, verglichen mit dem Vorgänger, wie geschnitten Brot. Sowohl für den Konsumenten, als auch für die Hersteller wird die Ankündigung ARMs also erst einmal lediglich eine Randnotiz sein, die man jedoch im Auge behalten sollte. In zehn Jahren könnte das aber schon ganz anders aussehen. Doch wer weiß, welche Fortschritte bis dahin die stationären Prozessoren gemacht haben werden.